Einen anderen Blick auf die Wirklichkeit ermöglichen

Interview mit Künstlerin Karin Sander über das Projekt "Transzendenzaufzug"

Mit dem Transzendenz-Aufzug für die Kunstuniversität Linz hat die Künstlerin Karin Sander ein Environment geschaffen, das zugleich Werkzeug, Icon und Ort für Kunstproduktionen ist.

Karin Sanders Arbeiten sind hochpräzise, nichts überlässt sie dem Zufall. Der unmittelbare Raum, die Gegebenheiten vor Ort, sie spielen bei vielen ihrer Werke eine zentrale Rolle. Beispielsweise die Arbeit "Quellcode": Diese zeigt großformatig einen XML / SVG-Code an den Wänden, der die Architektur des Ausstellungsraum beschreibt. Bei "Berliner Zimmer" dechiffriert ein eigens für den Raum der Galerie angefertigter Teppich die unsichtbaren Linien und Maße des Grundrisses. Die präzise Sprache der Künstlerin öffnet einen Definitionsraum, der zwischen Rationalität und individueller Wahrnehmung subtil changiert. Ihre Arbeiten sind international präsent. So wurden sie unter anderem im Whitney Museum of American Art und im MoMA in New York, im National Museum of Contemporary Art, Osaka, im ZKM Karlsruhe und im Künstlerhaus Bregenz gezeigt – um nur ein paar der zahlreichen Ausstellungsorte zu nennen. Neben ihrer künstlerischen Produktion, ist Karin Sander Professorin am renommierten Fachbereich Architektur der ETH Zürich. Jetzt hat die in Berlin lebende Künstlerin für die Kunstuniversität Linz ein Werk geschaffen, das zugleich Architektur und Kunst ist. Und das von den Studierenden verlangt, sich mit dem Ort auseinanderzusetzen und dabei schier unendliche Möglichkeiten der Aneignung für die jungen Künstler bietet.

Frau Sander, welche Gedanken stecken hinter der Idee, etwas so Alltägliches wie einen Lastenaufzug zu einem Kunstwerk zu transformieren?

Ich wollte kein Objekt schaffen, an dem sich die zukünftigen Studierenden der Kunstuniversität abarbeiten müssen, das da einfach nur steht und ist. Mir schwebte vielmehr etwas vor, das mit dem Funktionsablauf einer Hochschule zu tun hat – wie eben ein Lastenaufzug, der für die künstlerische Produktion essentiell ist. Schliesslich transportiert er die Menschen, die Kunstwerke und das Material. Der Lastenaufzug ist also ein zentrales Tool im Alltag einer solchen Institution und wird vom ersten Moment an in das Geschehen (an der Kunstuni) und den Schaffensprozess von Kunst eingebunden. 

Aber nur weil ein Lastenaufzug im Hochschulbetrieb essentiell ist, macht ihn das nicht zu einem Kunstobjekt. Was ist anders am "Transzendenz-Aufzug" der Universität Linz?

Zum einen: Er fährt weit über das Dach hinaus, man könnte fast sagen in den Himmel und bietet dort, da er aus Glas ist, eine fantastische Weitsicht über die Stadt und darüber hinaus. Gleichzeitig war meine Idee, dass dieser Lastenaufzug selbst Ausstellungsraum sein kann. Er bietet den Studierenden die Möglichkeit, ihn zu einem Ort von Kunstproduktionen bzw. Kunstpräsentation zu verwandeln. Das macht ihn zugleich zu einem Kunstobjekt, zu einer Skulptur, die über das Dach hinaus geschickt wird und von der Stadt aus gesehen werden kann.

Und wie können die Studierenden die Gestalt des Aufzugs verändern?

Die Gestalt natürlich nicht, aber seine Ausstrahlung und Botschaft. Gemeinsam mit der Bauherrin Big Art – eine eigene Unternehmung der Bundes Immobilien Gesellschaft in Österreich – und dem Architekturbüro Krischanitz haben wir in dem Aufzug jegliche erdenkliche Technik einbauen lassen, damit er möglichst breit aufgestellt ist für die Ansprüche der heutigen Kunststudenten: Von Datenleitungen für Projektionen bis hin zu einem Lichtsystem, durch das der Aufzug in alle Farben getaucht werden kann. Alles ist programmierbar, selbst die Verweildauer auf den einzelnen Ebenen und die Choreographie des Fahrens kann bestimmt werden.

Und wie wird Licht im Transzendenz-Aufzug eingesetzt?

Ich stellte mir zunächst die Frage: Bringt der Aufzug allein das Licht mit? Dann würde der Aufzugsturm bei Dunkelheit kaum sichtbar sein. Es brauchte also entsprechende Strahler, die die Konstruktion und den Turm anleuchten – die aber auch regulier- und veränderbar sein müssen. Das wichtigste Werkzeug aber im Aufzug ist die Lichtdecke, die Zumtobel mit mir entwickelt hat. Insbesondere die Veränderbarkeit des Lichtes ist hier wichtig. Alle Farben, zeitliche Abstände und Wechselzustände sollten möglich sein. Hier war Zumtobel ein toller Partner, der mir mit sehr viel Wissen und Erfahrung bei der Entwicklung und Umsetzung zur Seite stand.

Ist Licht für Sie ein wichtiger Aspekt in Ihrem Schaffen?

Natürlich, denn Licht bestimmt die Wahrnehmung der Kunst! Häufig zeigen sich die Bedingungen ja erst in der Umsetzungsphase: Wie und woher fällt das Licht, was gibt das Museum vor, wie verhält sich das Licht zum Raum. Ich nehme in der Regel die Umstände vor Ort einfach an. Bei dem Transzendenz-Aufzug aber konnte ich zum ersten Mal die Bedingungen bestimmen, die die Studierenden zur Kunstproduktion benötigen, aber auch jene, die der Aufzug zur Außenwahrnehmung beansprucht. Eine interessante Erfahrung! Und hierfür war die Zusammenarbeit mit Zumtobel essentiell.Der Aufzug ist Ort der Kunstproduktion und Kunstwerk selbst. Und zugleich auch ein von weitem sichtbares Icon für die Universität.

Darf Kunst solch eine Mischform sein?

Ich liebe Hybride! Ja, der Aufzug ist Funktionstool der Hochschule, mit dem die Hochschule im Stadtbild, zugleich aber auch inhaltlich auf sich selbst verweist. Der Aufzug kann Studierende und Besucher abholen und sie in eine andere Wirklichkeit transzendieren. Ist der Aufzug beleuchtet, präsentiert er sich als begehbare Lichtskulptur und versinnbildlicht zugleich, wie Kunst einen ganz anderen Blick auf die Wirklichkeit ermöglichen kann. Er ist damit in der Lage, räumliche und mentale Grenzen zu durchstoßen – und nicht nur das Dach, und, für die Studierenden Denkmöglichkeiten und Erfahrungen zu öffnen.

Und ganz persönlich: Was bedeutet Licht für Sie?

Sichtbarkeit.

Doch nicht nur der Transzendenzaufzug ist eine Besonderheit des Bauvorhabens. Wer die Kunstuniversität Linz besucht, kann einen wahren Designschatz entdecken: die Kugelleuchte ALVA.