Der Einfluss von Licht

Beleuchtung in der Industrieproduktion am Beispiel Zumtobel

Welche Bedeutung hat gutes Licht für MitarbeiterInnen in der Industrieproduktion? Diese und andere Fragen konnte Carina Buchholz, Lighting Application Manager Mario Wintschig, Head of Health & Age Management, stellen. Die Antwort: klar, eine gewichtige. Eine, die Zumtobel nicht nur bewusst ist, sondern stark am Herzen liegt. Weshalb wir immer weiter am Active Light-Ansatz arbeiten. Wie groß ist die Bedeutung des Lichts wirklich? Lesen Sie hier nach.

Carina Buchholz, Lighting Application Manager bei Zumtobel, im Gespräch mit Mario Wintschnig, Head of Health & Age Management, über den Einfluss von Licht in der Industrieproduktion. © Zumtobel
Zumtobel, Produktionsstandort Dornbirn. © Zumtobel

Du warst bei Zumtobel viele Jahre Produktmanager für die Industrieanwendung, Ich erinnere mich noch: Du hast Dich schon früh engagiert mit den Auswirkungen der Digitalisierung – Stichwort Industrie 4.0 – auf die Beleuchtung auseinander gesetzt. Inwiefern ist dein persönliches Zukunftsszenario für das Licht in der Industrie, das Du vor 15 – 20 Jahren definiert hast, zwischenzeitlich so in der Produktion angekommen?

Mario Wintschnig: "Es wird in der Industrie immer noch Technik eingesetzt, um v.a. Prozesse und Abläufe zu automatisieren. Vorrangiges Ziel ist dabei die Fehlerhäufigkeit in den Prozessabläufen und Kosten zu reduzieren. IoT-Technologien werden genutzt, um Prozesse und Bedienung von Anlagen zu optimieren. Die papierlose Fertigung gehört inzwischen zum Standard – auch die Vereinfachung von Eingabetechnologien ist im Kommen.

Dadurch vereinfachen sich nicht nur die Ausbildungsanforderungen von ArbeiterInnen. Auch der Handlungsspielraum des Einzelnen vergrößert sich dadurch zunehmend. Die Industriebeleuchtung hat sich den neuen Gegebenheiten angepasst. Produktions- und Logistikhallen sind heute wesentlich heller und freundlicher in ihrem Erscheinungsbild. Norm-Beleuchtungsstärken, Kriterien wie Blendungsbegrenzung und Sehqualität sind zum Selbstverständnis geworden. Das trägt deutlich zum Wohlbefinden der Mitarbeiter bei."

Du begleitest als Head of Health and Age Management und langjähriger stellvertretender Vorsitzender des Zumtobel Group-Betriebsrats viele Mitarbeiter bei Zumtobel in ihrer täglichen Arbeit. Welche Chancen siehst du durch die veränderte, vernetzte Arbeitswelt? Welches Zukunftsszenario hast du für die Fabrik der Zukunft gezeichnet?

Mario Wintschnig: "Mit der stattfindenden Flexibilisierung der Arbeitszeit kommt es zur Individualisierung von Arbeitszeitformen, was bei MitarbeiterInnen zu mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation führt. Formen wie Gleitzeit, Arbeitszeitkonten bis hin zu Vertrauensarbeitszeit drängen sich in den Vordergrund, was gravierende Folgen für die Grenze zwischen Arbeit und Lebenszeit mit sich bringt. Dies führt langfristig zu erheblichen Gesundheitsproblemen und geht zu Lasten von Lebenszeit im Sinne von Freizeit – die Arbeit wird dominierender und einziger Lebensinhalt.

Arbeitsmittel wie Laptop oder Firmen-Smartphone werden längst nicht mehr ausschließlich geschäftlich oder privat genutzt. Internet in Kombination mit der Nutzung von betrieblicher Hardware sind z.B. bei E-Banking, Bestellungen bei Amazon oder bei der Suche nach Urlaubsdestinationen längst zum Standard geworden. Am Beispiel Home-Office werden die Vermischung der Grenzen von Arbeit und Leben gut sichtbar. Für MitarbeiterInnen ist oft unklar, wann tatsächlich für das Unternehmen gearbeitet wird oder nicht. Die vorher beschriebenen hochflexiblen Arbeitszeitenmodelle tragen ebenfalls zu einer Verschränkung von Arbeit und Leben bei."

Haben jene Veränderungen in der Arbeitswelt zu neuen Raumbedingungen in der Industrieproduktion geführt? In punkto Beleuchtung? Wie sind Deine Erfahrungen bei Zumtobel?   

Mario Wintschnig: "Höhere Beleuchtungsstärken und ein freundlicher, heller Raumeindruck sind in unseren Industriehallen längst angekommen. Allerdings wird in Zukunft noch zusätzlicher Arbeitsbeleuchtung benötigt. Warum? 

Nun, es gibt inzwischen ein einheitliches Verständnis dafür, dass es nicht mehr zielführend ist, ältere MitarbeiterInnen früh in den Ruhestand zu entlassen. Der längere Verbleib von älteren Erwerbstätigen ist auch ein Anliegen der Europäischen Union. Damit dieses Vorhaben umgesetzt werden kann, müssen in Unternehmen erst Rahmenbedingungen und Voraussetzungen geschaffen werden, damit MitarbeiterInnen länger arbeiten können, wollen und dürfen. Und dazu gehört zur Förderung der Arbeitsfähigkeit und des Wohlbefindens auch ein Mehrbedarf an Licht.

Zusammen mit der bereits beschriebene Flexibilisierung der Arbeitszeit wird dies zukünftig dazu führen, dass sich das Licht in der Industrie – besonders bei Produktionen mit Schichtarbeitsmodellen – noch individueller auf die MitarbeiterInnen und ihren Anforderungen an ihrem Arbeitsplatz einstellen muss."

Welche Aufgaben hat das Licht in Produktionshallen für Zumtobel heute? "Kurz gesagt, sind folgende Stichworte maßgeblich: Orientierung, Wohlbefinden, Fehler- und Unfallvermeidung, schließlich lang anhaltende Gesundheit – und damit einbezogen vor allem ein langfristiger Erhalt der Sehkraft." © Zumtobel

Welche Aufgaben hat das Licht in Produktionshallen für Zumtobel heute?

Mario Wintschnig: "Kurz gesagt, sind folgende Stichworte maßgeblich: Orientierung, Wohlbefinden, Fehler- und Unfallvermeidung, schließlich lang anhaltende Gesundheit – und damit einbezogen vor allem ein langfristiger Erhalt der Sehkraft."

In welcher Hinsicht können wir mit unseren Leuchten und Steuerungsmöglichkeiten den Menschen ganzheitlich unterstützen? Wie schätzt du das aus Sicht des Health & Age Management ein? Welche Unterschiede siehst du für junge und ältere Mitarbeiter?

Mario Wintschnig: "Die demografische Entwicklung wird uns in den nächsten 10 Jahren in zweierlei Hinsicht intensiver beschäftigen. Das höhere Alter und ein folglich längerer Verbleib im Unternehmen werden deutlich zunehmen. Auf Grund des Bedarfs an höheren Beleuchtungsstärken von älteren Menschen führt dies dazu, dass zusätzlich eine individuell steuerbare Lichtlösung je Arbeitsplatz vorhanden sein sollte. Arbeitsplätze werden zukünftig flexibler genutzt … z.B. durch Leasing-Personal mit häufigen Wechsel, Tandemmodelle mit Jung und Alt. Die Folge: gesteigerte Sehaufgaben im Arbeitsprozess erfordern zukünftig ein individuell einstellbares Beleuchtungsniveau."

Bei Zumtobel arbeiten wir im Schichtarbeitsmodell. Das Konzept des Human Centric Lighting hat gezeigt, dass Tages- und Kunstlicht die Gesundheit des Menschen positiv fördert. Wir haben uns auch in einer Werkstätte für behinderte Menschen engagiert.  Allerdings wurde in der Industrie bisher eher wenig geforscht. Und das, obwohl Licht die innere Uhr bei Schichtarbeit ideal unterstützt. Warum ist das der Fall?

Mario Wintschnig: "Bei Schichtarbeit wird unterschieden zwischen einem permanentes System in Form von Dauerschicht (z.B. in Form von Nachtschicht) oder Wechselschicht (z.B. wöchentlicher Wechsel zwischen Früh- und Spätschicht). Wir haben bei Zumtobel beide Systeme im Einsatz.

Reine Nachtschicht ist für den Organismus weniger belastend wie ein Wechsel zwischen Früh- Spät- und Nachtschicht. Das veränderte Schlafverhalten bei Wechselschichtarbeit zwischen allen drei Varianten führt bei einem Teil der MitarbeiterInnen zur Leistungsreduktion und vermehrten Fehlerhäufigkeit. Die sehr lange Zeit unter dem Einfluss von Kunstlicht erfordert daher hohe Beleuchtungsstärken. Das Alter spielt hierbei noch zusätzlich negativ mit. In einem Dreischichtmodell kommt es daher zu unzureichenden Regenerationszeiten und vermehrt zu Schlafstörungen. Die Müdigkeit während der Schichtzeit und der verbleibenden Freizeit verleitet MitarbeiterInnen häufig zu einer nicht von Erfolg geprägten Bewältigungsstrategie. Kaffee, Zigaretten und Energydrinks werden vermehrt konsumiert. Dies hat einen eher kurzen Effekt auf das Herz-Kreislauf-System, stellt aber langfristig ein Gesundheitsrisiko dar.

Nicht zu vernachlässigen ist auch der Anteil der Älteren. Auch wenn die Anzahl der älteren Schicht-MitarbeiterInnen bereits gestiegen ist, wird sich die Situation weiter verschärfen. Die eher mangelnde Anpassungsfähigkeit der Älteren an den Schlaf-Wach-Rhythmus führt zu erwarteten Belastungen und wird Unternehmen in Bezug auf die Besetzung und Belegung von Schichten künftig noch stärker herausfordern. Eine zusätzliche Beleuchtung kann diesen Effekt nicht mehr kompensieren. Dennoch sind Studien in der Industrieanwendung unbedingt notwendig."

Aus deiner Perspektive von 2019: Werden sich die Aufgaben und Schwerpunkte im Gesundheitsmanagement produzierender Unternehmen in den nächsten 10 Jahren ändern und welchen Einfluss hat das auf die Rolle des Lichts im Raum?

Mario Wintschnig: "Qualitativ gutes Licht in ausreichender Menge, individuell angepasst an die jeweiligen Bedingungen am Arbeitsplatz und die jeweiligen Sehaufgaben und den Menschen sind unumgänglich für jeden Arbeitsplatz in der Produktion."

Welche Rolle spielt das Licht für Dich ganz persönlich, also in deinem Leben und inwiefern gehst du in deinem Arbeits- und Freizeitumfeld ganz bewusst mit diesem Thema um?

Mario Wintschnig: "Für mich persönlich ist Licht ein äußerst wichtiges Element. Einerseits verwende ich Licht als Gestaltungselement in meinen vier Wänden, um mich vom Arbeitsalltag zu erholen. Andererseits benötigen meine Augen bei meinen 58 Jahren wesentlich mehr Beleuchtungsstärken, um konzentriertes Arbeiten in der Freizeit überhaupt zu ermöglichen. Mein Tag hat in der Regel zwischen 18-19 Stunden. Ein No-Go ohne das richtige Licht. Unter Wasser verwende ich Licht, um mich zu orientieren und Farben sowie Details optimal mit der UW-Fotografie einzufangen. Dort ist die individuelle Anpassung der Beleuchtungsstärken und die Gleichmäßigkeit der Ausleuchtung maßgeblich für ein optimales Ergebnis. Ein Ergebnis, das so manche Menschen in Erstaunen versetzt."

Die neue Werkshalle der Zumtobel-Produktion am Industriestandort Dornbirn. © Zumtobel