Lob der Reduktion

Der britische Architekt John Pawson

Anfang der Nullerjahre bekam der englische Architekt John Pawson Besuch von tschechischen Zisterziensermönchen. Ort der Zusammenkunft war Pawsons Wohnhaus im Londoner Stadtteil Notting Hill, einem umgebauten viktorianischen Stadthaus. Mit dessen radikaler Reduktion hatte er einige Jahre zuvor seinen Ruf als konsequenten Minimalisten begründet.

Das Kloster in Novy Dvur gilt als das Hauptwerk des Architekten. © Jens Weber
Das Kloster in Novy Dvur gilt als das Hauptwerk des Architekten. © Jens Weber

Der Grund für das Treffen war die Sanierung und Erweiterung eines verfallenen barocken Herrenhauses in Böhmen mitsamt den daran angrenzenden Wirtschaftsgebäuden. Die Anlage sollte den Mönchen als neues Kloster dienen. Einer der Mönche, ebenfalls ein Architekt, kannte Pawsons Werk, das zu diesem Zeitpunkt größtenteils aus der Gestaltung von Calvin-Klein-Stores bestand, und hatte ihn für das Projekt ins Spiel gebracht.

Die Mönche wurden durchs Haus geführt, waren sich mit der Beauftragung aber zunächst noch unsicher – Pawsons Haus erschien ihnen zu asketisch. Das Projekt kam dennoch zustande und bildet bis heute Pawsons Hauptwerk. Es ist zu seiner Lebensaufgabe geworden. Immer wieder erweitert er die Klosteranlage. Novy Dvur ist allerdings nicht die einzige sakrale Bauaufgabe Pawsons. In Deutschland sanierte er die Augsburger Moritzkirche, in Ungarn die Basilika der Erzabtei von Pannonhalma.

Das Wohnhaus von John Pawson in London. © Jens Weber
Das Wohnhaus von John Pawson in London. © Jens Weber

Räumliche Konzentration

In Pawsons gestalterischer Sprache gibt es Grundelemente, die sich durch sein gesamtes Werk ziehen, egal, ob es sich um eine Kirche, ein Wohnhaus oder das Bühnenbild für die Opéra Bastille in Paris handelt: die Verwendung einfacher, euklidischer Geometrien, die Reduktion auf wenige architektonische Elemente, die Beschränkung auf zeitlose Materialien wie Holz, Mauerwerk und Beton, die Konzentration auf den reinen, abstrakten Raum.
 
Ein großer Einfluss für Pawson ist die japanische Kultur. Sein Interesse am Buddhismus führte ihn Anfang der 70er Jahre nach Tokio. Dort stieß er auf ein Buch des Architekten Shiro Kuramata und verbrachte in der Folge einige Zeit in dessen Büro. Kuramatas Architekturphilosophie, die in der Verbindung traditioneller japanischer Gestaltungsprinzipien mit zeitgenössischer Architektur bestand, prägte Pawson grundlegend.

In vielen Werken spielt Licht eine entscheidende Rolle, sei es natürliches Licht oder Kunstlicht. Die Treppe in seinem Wohnhaus inszenierte er als eine drei Stockwerke überwindende Himmelsleiter. Ein Seitenfenster, das von unten nicht zu sehen ist, füllt das Treppenhaus mit einem sanften Leuchten, dessen Intensität nach oben hin zunimmt. Am Ende der Treppe lösen sich die Raumkonturen auf, die Treppe verschmilzt mit dem hereinströmenden Licht.

John Pawson in der von ihm sanierten Moritzkirche in Augsburg. © Orla Connolly
John Pawson in der von ihm sanierten Moritzkirche in Augsburg. © Orla Connolly

Im Entwurf für das Bühnenbild der Ballettaufführung "L'Anatomie de la Sensation" in Paris arbeitete Pawson mit einfachen, vertikalen Flächen, deren geometrische Anordnung er im Zusammenspiel mit der Choreografie immer wieder änderte. Ein wichtiges Element ist das Kunstlicht, das sie in unterschiedliche Farben taucht. Durch die Modulation der Lichtstärke bilden die Flächen einen Kontrast zum umgebenden Raum oder sie verschmelzen mit ihm. Mit wenigen Mitteln gelingt es Pawson, ein komplexes  Zusammenspiel aus Raum, Licht und Farbe zu komponieren.

Architektonische Gebete

Um sich optimal auf die Aufgabe für den Entwurf des Klosters in Novy Dvur  vorzubereiten, lebte Pawson eine zeitlang mit den Mönchen zusammen, stand um drei Uhr früh auf, nahm an den Gebeten teil, befolgte die Schweigegebote. Dazwischen gab es Besprechungen zum Projekt, vor deren Beginn die Mönche erst einmal für einen fruchtbaren Dialog und ein gelungenes Ergebnis beteten. 2004 wurde das Kloster eingeweiht, 2009 kam ein Gästehaus hinzu, zuletzt entwarf Pawson ein Wirtschaftsgebäude für die Anlage. Es scheint, dass die Gebete der Mönche erhört wurden.

Für die Ballettaufführung "L'natomie de la Sensation" in Paris gestaltete Pawson das Bühnenbild. © Jens Weber
Für die Ballettaufführung "L'natomie de la Sensation" in Paris gestaltete Pawson das Bühnenbild. © Richard Davies