Brechung des Lichts

Ein Kirchenfenster in Tokio von Tokujin Yoshioka

Das Fenster ist ein zentrales Element beim Entwurf von sakralen Räumen. Bereits bei den gotischen Kathedralen wurde farbiges Glas verwendet, um die Kirchenräume in ein "göttliches" Licht zu tauchen und so auf das Jenseits zu verweisen. Auch im 20. Jahrhundert spielt das Kirchenfenster immer noch eine wichtige Rolle, zum Beispiel bei der Gestaltung eines Fensters des Kölner Doms durch den Maler Gerhard Richter.

Bildunterschrift: Die Brechung des Lichts erzeugt regenbogenfarbene Lichtgeometrien. © Tokujin Yoshioka
Bildunterschrift: Die Brechung des Lichts erzeugt regenbogenfarbene Lichtgeometrien. © Tokujin Yoshioka

Der Japaner Tokujin Yoshioka hat diese Tradition um ein weiteres Element bereichert. Er ist eigentlich Designer und wurde bekannt durch seine spielerischen und minimalistischen Entwürfe – etwa den polygonal geformten Hocker "Hook" für die italienische Möbelfirma Moroso oder die Gestaltung einer Armbanduhr für das japanische Modelabel Issey Miyake. In den letzten Jahren hat er sich aber zunehmend der Architektur zugewandt und ein besonderes Interesse an der Wahrnehmung von Raum im Zusammenspiel mit Licht entwickelt.

Das Kirchenfenster ist eigentlich eine Kunstinstallation. © Tokujin Yoshioka
Das Kirchenfenster ist eigentlich eine Kunstinstallation. © Tokujin Yoshioka

Mediterranes Lichtspiel

So kam auch das Projekt  der "Regenbogenkirche" zustande: Für das Museum für zeitgenössische Kunst in Tokio entwarf Yoshioka eine Kunstinstallation – ein neun Meter hohes Kirchenfenster, das vom Boden bis zur Decke reicht.  Als Inspirationsquelle diente die "Chapelle du Rosaire", eine kleinen Klosterkapelle, die 1951 nach Plänen von Henri Matisse gebaut worden war. Yoshioka hatte das Gebäude während einer Geschäftsreise in Vence an der französischen Riviera besichtigt. Der französische Maler verwendete dort blaue, gelbe und grüne Glasflächen in Verbindung mit schwarz-weißen Wandkeramiken. Die drei unterschiedlichen Farben der Kirchenfenster sollten die Natur abbilden: das Zitronengelb als Symbol für das Licht, das Dunkelgrün für die Vegetation und das Ultramarinblau für den Himmel. Das hereinströmende mediterrane Licht bringt die Fenster der Kapelle zum Leuchten und durchmischt die einzelnen Farben. Auf den kargen Wänden des Innenraums entsteht ein Lichtspiel aus vielfarbigen Flächen, deren Geometrie, Leuchtkraft und Farbigkeit sich je nach Sonnenstand immer wieder ändert.

Das Fenster setzt sich aus 500 Kristall-Prismen zusammen. © Tokujin Yoshioka
Das Fenster setzt sich aus 500 Kristall-Prismen zusammen. © Tokujin Yoshioka

Die Farben des Regenbogens

Ähnlich wie in der Chapelle du Rosaire arbeitet Yoshioka bei der Regenbogenkirche mit Lichtvariationen. Allerdings verwendet er im Unterschied zu Matisse keine farbigen Flächen, sondern nimmt die Geometrie zu Hilfe. Das Kirchenfenster setzt sich aus 500 Kristall-Prismen zusammen, die das hereinströmende Licht brechen und regenbogenfarbene Lichtgeometrien erzeugen. Sie fallen auf Boden, Wände und Decke und tauchen den Raum in ein fast überirdisch wirkendes Leuchten. Das Zusammenspiel aus Architektur und optischem Spiel erzeugt ein räumliches Kaleidoskop – das hereinströmende Licht wird Materie. Damit gelingt es dem Designer, die Tradition des Kirchenfensters neu zu bespielen und sich gleichzeitig in eine jahrhunderte alte Tradition einzureihen.