Design Heritage - Interview mit Daniel Stromborg

MILDES LICHT – Weit mehr als eine neue Büroleuchte

Mit ihrem unverwechselbaren Design zeigt MILDES LICHT, dass es sehr wohl möglich ist, einen eigenen modernen Stil zu entwickeln, ohne dabei den Bezug zur Formsprache früherer MILDES LICHT-Generationen zu verlieren. Lightlive sprach mit Daniel Stromborg von Gensler, um herauszufinden, wie es ihm gelungen ist, ein Design zu entwickeln, das der zukunftsweisenden Technologie gerecht wird und gleichzeitig über 25 Jahre Familiengeschichte der MILDES LICHT berücksichtigt.

"Das Projekt war bereits im Gange, als Zumtobel mich zu den Feierlichkeiten für das "Year of Light" im April 2015 nach Dornbirn einlud. Zu diesem Zeitpunkt hatte Zumtobel bereits ein erstes Konzept entwickelt und war an einem entscheidenden Punkt im Hinblick auf das Design angelangt." (Daniel Stromborg, Gensler) © Daniel Stromborg / Gensler

Der Anruf von Wolfgang Egger, Executive Vice President Global Sales North America, kam für Daniel Stromborg, Practice Area Leader bei Gensler, ein wenig aus heiterem Himmel. "Es passiert schließlich nicht alle Tage, dass jemand von Zumtobel, einem Unternehmen, das mir als eines der besten in der Branche bekannt war, dich kontaktiert und dir vorschlägt, zusammen eine Leuchte zu entwickeln", erinnert sich Daniel Stromborg. Er musste nicht lange überlegen und der Rest ist ein neues Kapitel in der MELLOW LIGHT-Familiengeschichte.

Was hat Sie an dem Projekt gereizt?
Licht hat mich schon immer fasziniert. Bisher habe ich mich fast ausschließlich mit Möbeln beschäftigt und das ist ein relativ klarer Fall: Man setzt sich in einen Stuhl und sofort spürt man, ob sich die Rücken- und Armlehnen richtig anfühlen. Mit Licht ist das etwas komplett anderes, weil es wie Luft nicht greifbar ist. Design und Lichtwirkung sind schwer zu erfassen, geschweige denn zu planen. Aus diesem Grund war die Zusammenarbeit mit den Ingenieuren von Zumtobel eine große Bereicherung für mich, ich habe auf unterschiedlichste Weise unglaublich viel bei diesem Projekt gelernt. Insbesondere mein Umgang und meine Wahrnehmung von Raum haben sich verändert und ich glaube man kann sagen, dass ich, zumindest innerhalb meines Teams, die Wertschätzung von Leuchten und Lichtdesign positiv beeinflusst habe.

Daniel Stromborg von Gensler. © Daniel Stromborg / Gensler

Wie hat sich der Designprozess entwickelt?
Es war eine etwas ungewöhnliche Herangehensweise im Vergleich zu dem, was ich sonst gewöhnt bin. Das Projekt war bereits im Gange, als Zumtobel mich zu den Feierlichkeiten für das "Year of Light" im April 2015 nach Dornbirn einlud. Ich wurde dem Team vorgestellt und erfuhr alles zur Geschichte, aber auch den Beweggründen für eine Neuauflage der MILDES LICHT und wurde auf den neuesten Stand der Forschungsergebnisse gebracht, die eine wichtige Rolle spielen sollten. (Anmerkung der Redaktion: die neue MILDES LICHT ist eine unmittelbare Entwicklung, die aus der Zumtobel Forschung und Initiative active light hervorgeht).

Zu diesem Zeitpunkt hatte Zumtobel bereits ein erstes Konzept entwickelt und war an einem entscheidenden Punkt im Hinblick auf das Design angelangt. Für mich gab es eigentlich nur zwei  Richtungen: Entweder man geht einen traditionellen Weg, der einen starken Bezug zu älteren Versionen der MILDES LICHT hat, oder man entscheidet sich für einen progressiveren Weg und macht etwas komplett Neues, so weit es die Technologie und der Formfaktor erlauben. Der ursprüngliche Ansatz von Zumtobel war sehr organisch und deutlich weiter auf der progressiven Seite.

Hatten Sie sofort eine Tendenz, ob das Design eher eine traditionellere oder progressivere Richtung einschlagen sollte?
Als ich in das Projekt einstieg, setzte ich mich lange mit den beiden Ansätzen – klassisch-traditionell gegenüber futuristisch-progressiv – auseinander. Die MILDES LICHT 4 war ein sehr erfolgreiches Produkt und wir wussten, welche Eigenschaften z.B. der Vertrieb aber auch der Endkunde besonders an dieser Leuchte geschätzt hatten. Für mich als Designer war dieses Feedback ausschlaggebend und ich habe mich auch deswegen entschieden in eine eher klassisch-traditionelle Richtung zu gehen. Es sollte vielmehr um die Evolution von Form gehen, anstatt etwas komplett Neues zu erfinden. Eine gute Parallele dafür ist der Porsche 911, der über 50 Jahre Weiterentwicklung durchlaufen hat. Seine Formsprache ist trotzdem unverwechselbar, zumindest fast jeder in der westlichen Welt ist mit ihr vertraut. Man könnte zwei Autos nebeneinanderstellen, die mit einem Abstand von 50 Jahren produziert wurden und man sieht sofort, dass sie eine gemeinsame Designsprache sprechen, die sich über die Jahre weiterentwickelt hat und dennoch sehr viele Gemeinsamkeiten aufweist. Darum habe ich unser Entwicklungsteam gebeten, wirklich genau zu schauen, was in älteren Versionen erfolgreich war und wie wir daraus eine Formsprache ableiten können, die vorgibt, was bei der neuen MILDES LICHT zu passieren hat.

Die neue MELLOW LIGHT - weit mehr als eine neue Büroleuchte. © Zumtobel

Wie ist es Ihnen gelungen, eine Brücke zu schlagen zwischen älteren Versionen und der neuen MILDES LICHT?
Wenn wir die MILDES LICHT 4 anschauen, ist eines ihrer charakteristischen Merkmale die Idee einer dritten räumlichen Dimension. Das wollten wir in jedem Fall fortführen. Im Vergleich zur MILDES LICHT 5 hat sie eine sehr schmale Lichtmaschine und der markante Mittelteil war sehr beliebt. Das enge Raster sah zwar gut aus, schnitt bei der Lichtqualität allerdings nicht so gut ab. Dennoch wollten wir das aufgreifen und eine kristalline, hochleistungsfähige Optik verwenden. Aufgrund der Leistung konnten wir leider nicht ganz so eng mit dem Raster werden, wie wir es uns gewünscht hatten, aber man sieht den Bezug.

James Irvine hat mit der MILDES LICHT 5 unglaublich gute Arbeit geleistet. Insbesondere das, was ich als 'geschichtete Struktur' bezeichne, macht aus einem profanen Objekt eine harmonische Komposition. Ein anderer ganz wichtiger Punkt seines Designs, ist das, was ich den ‚Irvine Step’, nenne. Diesen kleinen Absatz wollte ich unbedingt beibehalten, auch als eine Hommage an James Irvine und sein Team. Was die Flügel betrifft, sind wir dem Wunsch der Kunden nachgekommen und deutlich organischer geworden. Das ist wiederum eine Anlehnung an die MILDES LICHT 4, die mit ihrer weicheren Anmutung für die legendäre ‚milde’ Lichtwirkung der MILDES LICHT sorgt. Mit der wunderschönen, kristallklaren Optik sind wir dagegen progressiver geworden in der Gestaltung.

Welches Detail gefällt Ihnen an der neuen MILDES LICHT ganz besonders?
Das ist zweifelsohne der 'Irvine Step'. Es war mir eine große Ehre, ein Design von James Irvine weiterentwickeln zu dürfen. Ich habe großen Respekt für seine Arbeit, nicht nur was MILDES LICHT betrifft. Im konkreten Fall gefällt mir einfach sehr gut, wie sich aus dem Zusammenwirken von dem kleinen Absatz, dem 'Irvine Step', mit der kristallinen Primäroptik ein ganz subtiles Detail ergibt, das aber auch eine wichtige Aufgabe im Rahmen unseres überarbeiteten Designkonzepts spielt.

Welche Erfahrungen hast du in der Zusammenarbeit mit Zumtobel gemacht?
Bei dem, was ich im Sinn habe und was die Ingenieure sich vorstellen, gibt es natürlich immer ein Für und Wider. Aber es war großartig mit Zumtobel zusammenzuarbeiten, weil ich habe nie einfach ein Nein als Antwort bekommen. Auch wenn etwas schlichtweg unmöglich war, hat man immer versucht, mir zu erklären, warum es nicht geht und hat sich Alternativen überlegt. Ihre Fähigkeit und Bereitschaft auszuprobieren, ist fantastisch und das macht die Zusammenarbeit mit Zumtobel aus.

"Wenn man sich die Geschichte wirklich erfolgreicher Gegenstände ansieht, dann sind sie heute noch genau so relevant wie vor 50 Jahren. Und ich glaube, bei der MILDES LICHT ist es uns gelungen, ihre Formsprache auf eine zeitlose und einprägsame Art und Weise weiterzuentwickeln." (Daniel Stromborg) © Daniel Stromborg / Gensler

Der Zumtobel Hauptsitz ist in Dornbirn/Vorarlberg, was war Ihr erster Eindruck von der Region?
Es ist eine kleine Überraschung, wenn man den Vordenker der Lichtbranche besucht und dann in Dornbirn ankommt. Es ist nicht Berlin, Wien oder Zürich, es ist das kleine, beschauliche Dornbirn. Aber ich würde sofort dorthin hinziehen. Das Team in Dornbirn besteht aus lauter aktiven, sportlichen Leuten. Ich selbst verbringe meine Freizeit am liebsten in den Bergen, auf Ski, beim Klettern oder auf dem Bike, und so haben wir uns auf Anhieb sehr gut verstanden und auch nach der Arbeit viel gemeinsam unternommen. In den Bergen unterwegs zu sein, kann für mich eine große Inspiration sein, das ist wie der mentale „Reset-Knopf! und ist essenziel für meine Gesundheit. Es hilft mir auch den Kopf frei zu bekommen für meine kreative Arbeit.

Wie würden Sie Ihre Design-Philosophie beschreiben und wie hat sie die Entwicklung von MILDES LICHT geprägt?
Keep it simple, stupid (lacht) – das ist irgendwie sogar zutreffend. Ich mag es, wenn Materialien für sich sprechen können und wenn man sie das tun lässt, was sie wollen, denn daraus können sich wunderbare Möglichkeiten für die Form ergeben. Ich schätze ehrliches Design und eine gewisse Zeitlosigkeit. Wenn man sich die Geschichte wirklich erfolgreicher Gegenstände ansieht, dann sind sie heute noch genau so relevant wie vor 50 Jahren. Und ich glaube, bei der MILDES LICHT ist es uns gelungen, ihre Formsprache auf eine zeitlose und einprägsame Art und Weise weiterzuentwickeln.

Ist die neue MILDES LICHT Ihrer Meinung nach für Erfolg gebaut?
Es ist ein schmaler Grad zwischen einfach einer weiteren Büroleuchte und einer wirklich intelligenten Leuchte. Das Hintergrundthema Human Centric Design bzw. active light, insbesondere die MILDES LICHT in der infinity Ausführung, bietet dem Markt etwas, das es so bisher noch nicht kennt. Außerdem glaube ich, dass genau dieses Produkt seiner Zeit voraus ist, vor allem in den USA. Gensler hat erst vor kurzem eine umfassende Studie veröffentlicht. Die Umfrage mit dem Titel "U.S. Workplace Survey 2016" betont einmal mehr, wie wichtig es ist, den Menschen eine Wahl zu bieten. Es ist ein großer Trend, eigentlich ein globales Phänomen, den Mitarbeitern mehr Möglichkeiten zur Selbstbestimmung am Arbeitsplatz zu geben. Diese Idee geht auch Hand in Hand mit dem Trend, dass Arbeitsplätze heimischer werden. Das sterile Büro wird zu einem gewissen Grad von der Bildfläche verschwinden und mit Hilfe von Materialien, Formen und Proportionen Platz machen für Arbeitsplätze, die im Sinne von Human Centric Design gestaltet werden. Das heißt auch, dass man nicht eine ganze Fläche mit ein und der selben Leuchte ausstattet, denn es geht vor allem darum, Momente zu schaffen. Es geht auch darum, die Transformation von Orten, die früher der Fokussierung und Einzelarbeit gedient haben, in Räume für ungezwungene Zusammenarbeit und Interaktion zu ermöglichen. Meiner Meinung nach hat MILDES LICHT das Potenzial, Lösungen für solche Herausforderungen zu bieten.